Aus dem Aufsatz von Silvan Jegen, Iaido-Remnei Basel
(c) S. Jegen
Das Schwert - Die Seele des SamuraiDas Schwert wurde als ein Symbol der Seele seines Trägers betrachtet. 34 Seine Herstellung wurde mystifiziert und sein Besitz war vorwiegend den Mitgliedern der bushi vorbehalten. 35 Die bushi trugen zwei Schwerter. Das längere von beiden, das sogenannte
katana (ungefähr 60-76cm), wurde für Kampf, Duelle, Training und auch
für die Vollstreckung von Verurteilungen verwendet.
Das kürzere (bis
ungefähr 45cm), wakizashi genannt, war das „Familienschwert“. In der
Herstellung und dem äusseren Erscheinungsbild dem katana entsprechend,
wurde es im Gegensatz zu jenem nur dazu verwendet, besiegten Gegner den
Gnadenstoss zu geben und das Entleibungsritual zu vollziehen. 36
Beide Schwerter wurden von den samurai durch den Gürtel (jap. obi)
geschoben, der den japanischen Schwertrock (jap. hakama) und das
Oberteil (jap. kimono) dem Körper anpasste. Um beim Kämpfen den nötigen
Freiraum zu haben, banden sich die samurai Teile des hakama und die
Ärmel des kimono mit einem schmalen Band (jap. tasuki) hoch. Erfahrene
Schwertkämpfer konnten diese Kampfvorbereitungen innerhalb weniger
Sekunden treffen. 37
Die Schwerter wurden auch zu Hause mit grosser Ehrfurcht behandelt. Sie
wurden in eigens dafür gefertigten Ständern gut sichtbar aufbewahrt,
und nachts wurden sie neben das Kopfkissen gelegt, doch ansonsten
trennten sich die samurai nur bei Besuchen zeitweilig von ihren beiden
Schwertern. Die Etikette schrieb vor, dass ein Schwert nur dann aus
seiner Scheide gezogen werden durfte, wenn vorher bei allen Umstehenden
die Erlaubnis eingeholt worden war. Ein schwerer Verstoss gegen die
Sitte war es, selbst aus Versehen die eigene Schwertscheide an
diejenige eines anderen Schwertträgers zu stossen oder das Schwert mit
der Spitze in Richtung des Gegenübers auf dem Boden zu platzieren.
Leicht konnte eine solche Missachtung der Anstandsregeln ein Duell zur
Wiederherstellung der Ehre nach sich ziehen. 38
Grundsätzlich wurde eine übereilte Benutzung des Schwertes als
Prahlerei oder Dummheit angesehen und verachtet. Auch sollte der Besitz
eines eigenen Schwertes nicht zur Schau gestellt werden. Vielmehr
musste ein samurai den Zeitpunkt, an welchem er von seiner Waffe
Gebrauch machen wollte genauestens abwägen. Im „Vermächtnis des
Ieyasu“, welches der begnadete Kriegsherr und Begründer des
Tokugawa-Shogunats Tokugawa Ieyasu (1542-1616) seinen Nachfolgern
hinterliess, stehen folgende Zeilen, die das Ziel dieser Bemühungen gut
illustrieren: „Die richtige Nutzung eines Schwertes besteht darin, die
Barbaren zur Vernunft zu bringen, während es schimmernd in der Scheide
ruht. Wenn es seine Scheide verlässt, kann es nicht als richtig
eingesetzt gelten.“ 39
Das Schwert hatte seinen Charakter als Waffe und damit den Respekt, der
ihm gezollt wurde, nie verloren, erst nach 1868, zur Zeit der
Meiji-Restauration 40
, als das Tragen eines Schwertes in der Öffentlichkeit verboten wurde,
sank seine Bedeutung als Waffe, doch blieb der Respekt ihm gegenüber
grösstenteils bis in unsere Zeit hinein erhalten.
In der Muromachi-Periode (1338-1573) entwickelten sich verschiedenste
Schlag- und Pariertechniken, welche nach und nach von besonders
begnadeten Schwertkämpfern zu unterschiedlichen Schwertkampfstilen
(jap. ryu) vervollkommnet wurden. 41
Diese Schwertkämpfer bauten Techniken aus, erfanden neuartige
Variationen und benannten sie, sobald sie sich in deren Anwendung
ausreichend geübt hatten, mit eigenen oft eindrucksvollen Namen. So
entstanden innerhalb von Jahrhunderten Dutzende von Schulen, die ihre
Schüler in der Schwertkampfkunst (jap. kenjutsu) unterrichteten.
Gewisse Eigenschaften dieser Schwertkampfstile waren bei allen Schulen
präsent.
Die japanische Schwertkampfkunst bediente sich im Kampf grundsätzlich
nur eines Schwertes (üblicherweise des katana), das eine nur einseitig
geschärfte Klinge besass, beinahe ausnahmslos zweihändig geführt wurde
und mit welchem offensive wie auch defensive Schlag- und
Abwehrtechniken ausgeführt werden konnten, was den Gebrauch eines
Schildes überflüssig machte. Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert war
der Höhepunkt der aktiven Nutzung von Rüstungen im Kampf erreicht. In
den darauf folgenden Jahrhunderten zeigte sich die Tendenz, die
Rüstungen leichter und beweglicher zu gestalten - oder sie gar gänzlich
wegzulassen -, um durch die somit drastisch erhöhte Mobilität den neu
eingeführten Feuerwaffen erfolgreich begegnen zu können. Den Schwertern
kam dadurch eine noch grössere Bedeutung zu.
Die Herstellung
Der Schaffungsprozess eines japanischen Schwertes erfolgte, wie auch
heute noch, in würdig-ritueller, beinahe religiöser Stimmung42 Der
Meister einer Schwertschmiede nahm täglich symbolische Waschungen vor,
die sowohl seinen Geist, wie auch seinen Körper reinigen sollten.
Überhaupt war die Reinheit eines der Grundprinzipien, das beim gesamten
Herstellungsvorgang beachtet werden musste und welches auch von allen
Angehörigen dieses Berufstandes gleich gehandhabt wurde. Die
Einzelheiten des Schwertschmiedevorgangs jedoch, wie zum Beispiel die
Temperatur des Abschreck-Wassers oder die Art des verwendeten
Roheisens, waren streng gehütete Geheimnisse, die über Generationen in
den Schwertschmiedeschulen weitergegeben wurden und nie nach Aussen
dringen durften.
Im Laufe der Zeit - insbesondere während den unruhigen Jahre der
sengoku-Epoche (1477-1615) und dreihundertunddreissig Jahre später im
Zweiten Weltkrieg - ging viel Wissen über die traditionelle
Schwertherstellung verloren. Deshalb wird im Folgenden die heutige
Herstellung eines Schwertes beschrieben, die trotz des verlorenen
Wissens noch immer ein höchst raffiniertes und komplexes Verfahren
darstellt.
Das Material
Bei der Herstellung eines originalen japanischen Schwertes wird
üblicherweise eine traditionelle japanische Stahlqualität mit der
Bezeichnung tamahagane verwendet. Dieser Stahl besteht, wie jeder
andere Stahl auch, aus Eisen mit Kohlenstoff. Die Besonderheit dieser
japanischen Stahlart jedoch ist, dass sie bereits - durch das spezielle
Schmelzverfahren - einen hohen Kohlenstoffanteil besitzt und
normalerweise nicht mehr vom Schmied selbst mit Kohlenstoff
angereichert werden muss. Sobald der Schmied seinen tamahagane erhält,
sortiert er die einzelnen Stücke, wobei er den Stahl mit blossem Auge
nach seinem Kohlenstoffgehalt sortieren kann. Durch die Verwendung von
Metallstücken unterschiedlichen Kohlenstoffgehaltes, kann der Schmied
die genaue Zusammensetzung des Schwertes, das aus härterem, spröderem
und weicherem, zäherem Stahl bestehen soll, bestimmen. 43
Das Schmieden
Als erstes nimmt der Schmied diejenigen Bruchstücke, welche seiner
Meinung nach den geeignetsten Kohlenstoffgehalt aufweisen und erhitzt
sie in der Esse. Anschliessend schmiedet er sie mit seinem
Schmiedehammer zu flachen Stücken, die er daraufhin in kaltem Wasser
abschreckt, um sie zu härten. Nach diesem Härtungsvorgang, zerschlägt
er die gehärteten Bruchstücke und sortiert sie erneut nach ihrem
Kohlenstoffgehalt, um den geeigneten Stahl für den Klingenmantel (jap.
kawagane) zu erhalten. Ist dies erledigt, werden die ausgewählten
Stücke des Klingenmantels auf eine Stahlplatte, die an eine
Haltevorrichtung angeschmiedet ist, gestapelt. Der Rohstahlhaufen wird
nun so lange in der Esse erhitzt, bis er etwa 1300 Grad erreicht hat
und mit dem Hammer sorgfältig zu einem Ganzen verschweisst werden kann.
Nun folgt ein entscheidender Teil der Schmiedearbeit. Der Schmied formt
den zusammengeschweissten Rohstahl zu einem länglichen Stahlquader,
dann wird mit einem Meissel eine tiefe Kerbe in den Block getrieben und
die beiden nun entstandenen Barrenhälften übereinander geklappt, so
dass erneut ein länglicher Stahlquader entsteht. Dieser Faltvorgang
wird sechsmal wiederholt und heisst shita-gitae (jap.
„Grundschmiedevorgang“). Ist dies abgeschlossen, wird der Stahlbarren
in drei gleichgrosse Stücke geteilt. Zwei dieser Stücke würden für ein
Kurzschwert reichen, für ein längeres Schwert, in diesem Fall ein
katana, werden jedoch vier Stücke benötigt, was bedeutet, dass ein
Stück aus einem früheren Schmiedevorgang beigefügt werden muss. Die
vier Stücke werden erneut aufeinander gestapelt und verschweisst.
Daraufhin werden weitere sechs bis sieben Faltvorgänge nach obigem
Beispiel durchgeführt. Die Anzahl der Faltvorgänge ist nicht explizit
vorgeschrieben und von Schmied zu Schmied verschieden. Angeblich soll
die höchste dokumentierte Anzahl 30 betragen, was 1'073'741'824
Schichten entsprechen würde.44 Durch diese Vorgänge wird der
Kohlenstoff gleichmässig verteilt und mögliche Schlackenrückstände
herausgearbeitet. Ausserdem entsteht so auf der Klinge ein Linienmuster
aus Schichten, das als dekoratives Element verwendet wird und als
„Handschrift“ des Schmiedes gilt.
Der so entstandene kawagane wird um den shingane, den Kernstahl,
gelegt, der ebenfalls mehrfach gefaltet wurde jedoch einen niedrigeren
Kohlenstoffgehalt aufweist, wodurch er weicher und zäher ist. Da der
shingane biegsamer ist als der Stahlmantel, weist das Schwert weniger
Anfälligkeit gegenüber Rissbildung und zu hoher Belastung auf. Kawagane
und shingane werden in einem nächsten Verarbeitungsschritt zu einem
einzigen Stahlbarren verschweisst, so dass keine Lücken mehr vorhanden
sind und nirgends mehr der Stahlkern zu sehen ist. Sollte dem Schmied
bei diesem Arbeitsschritt ein Fehler unterlaufen, hätte das verheerende
Folgen für die Qualität des Schwertes.
Als nächstes wird der aus verbundenem Kern- und Mantelstahl bestehende
Stahlbarren in einen sunobe genannten Schwertrohling umgeschmiedet.
Dieser Klingenrohling besitzt erst ungefähr 90% der endgültigen Länge
des Schwertes. Damit wird der Ausdehnung während dem weiterem
Schmiedevorgang Rechnung getragen. Das Schwert ist in diesem Zustand
der Bearbeitung erst etwa 66 bis 70cm lang und die Krümmung noch nicht
herausgearbeitet (diese entsteht erst durch das Härten), doch lässt
sich die fertige Form des Schwertes schon erahnen. Um eine glatte
Oberfläche zu erhalten, wird das Schwert mit dem Hammer bearbeitet. Die
Klinge ist in diesem Stadium noch relativ dick (ca. 2.5mm an der
Schneide), was das Risiko einer Beschädigung minimiert.
Nach dem Behämmern des Stahles erfolgt eine Behandlung der
Schwertflanken mit einem Schaber. Die Oberfläche des Schwertes wird
jedoch rauh belassen, damit die für den späteren Härtungsvorgang nötige
Lehmummantelung gut haften kann. Die Ummantelung dient dazu, die
Abkühlung der einzelnen Schwertabschnitte, wie Schneide, Rücken oder
Klingenkörper, zu regulieren. Durch das Abschrecken von glühendem Stahl
in Wasser, wird dieser gehärtet, und je schneller diese Abkühlung
erfolgt, desto härter, aber auch spröder wird er. Das Ziel bei der
Abschreckung einer japanischen Schwerklinge ist es, die Schneide und
den restlichen Klingenkörper unterschiedlich stark zu härten. Während
der Schneidebereich der Klinge sehr stark, sollte der Rest der Klinge
nur leicht gehärtet werden, um ihre Elastizität und Zähigkeit zu
bewahren. Deshalb wird die fertig geschmiedete, kalte Klinge in eine
Lehmschicht gehüllt, anschliessend stark erhitzt und schliesslich samt
getrockneter Lehmummantelung in kaltem Wasser abgeschreckt. Da der Lehm
an der Schneide dünner als am Klingenrücken aufgetragen wurde, kühlt
diese schneller ab und wird somit stärker gehärtet. An der Schneide
kommt es durch die schnelle Abkühlung zu einer leichten Ausdehnung des
Materials, während der Klingenrücken, der, geschützt durch die
Lehmummantelung, langsamer abgekühlt wurde, keine Ausdehnung erfährt.
Diese unterschiedliche Ausdehnung von Klingenrücken und Schneide
verleiht der Klinge ihre Krümmung.
Da sich bei der Härtung die Kristallstruktur des Stahles verändert,
nehmen die am stärksten gehärteten Bereiche eine helle Farbe an. Dieser
Effekt wird beim japanischen Schwert ganz bewusst angewendet, um eine
möglichst prägnante Härtelinie entlang der Schneide des Schwertes zu
erhalten. Der sogenannte hamon, wie diese Härtelinie genannt wird, ist
wahrscheinlich das wichtigste ästhetische Charaktermerkmal der Klinge,
und er ist es auch, der Schlüsse auf die Qualität und den Hersteller
der Klinge zulässt. In vielen Werken werden ganz unterschiedliche
Ausführungen des hamon dargestellt, die alle mit eigenen Namen versehen
wurden. Sie ermöglichen somit eine zeitliche und örtliche Einordnung
der Schwerter, da die angewendeten Muster neben anderen Merkmalen, wie
verschiedengrosse körnige oder quer verlaufende Effekte, die alle
ebenfalls mit speziellen Fachausdrücken bezeichnet wurden, sich je nach
Zeit und Ort unterschieden. 45
Das Polieren
Das Hauptziel der Politur ist es, die Schneide eines Schwertes zu
schärfen. Aber zu den Aufgaben eines Polierers gehört auch das
Festlegen der endgültigen Form der Klinge, die Ausarbeitung und
Hervorhebung der Härtelinie, das Betonen des Charakters eines
Schwertes, und natürlich ist auch er es, dem die Aufgabe zufällt, das
Schwert auf Hochglanz zu bringen. Der Polierer versucht durch die
Anwendung von Schleifsteinen immer kleinerer Körnungen, alle Kratzer
und Unebenheiten zu überdecken, indem er sich bemüht, die von seinen
Schleifsteinen hinterlassenen Kratzer kleiner werden zu lassen, als die
Oberflächenstruktur der vom Schmied bearbeiteten Klinge. Gelingt ihm
dies, sind die Schleifspuren der von ihm angewandten Steine nicht mehr
zu sehen. Bei diesem Vorgang besteht die Gefahr, dass die vom Schmied
hervorgerufenen, beabsichtigten Merkmale und Effekte der Klinge und
Schneide durch eine unsachgemässe Behandlung undeutlich werden oder gar
vollständig verschwinden.
Da Stahl einem ständigen Rostungsprozess unterliegt, ist es heute
beinahe unmöglich die Vorgehensweise und die Techniken der Polierer des
13. oder des 16. Jahrhunderts zu erkennen, denn alle Klingen dieser
Zeit wurden später erneut poliert und die Spuren früherer Polituren
verwischt. Aus diesem Grund wird hier auf die moderne Form des
Polierens und der Polierkunst eingegangen.
Der Polierer hält mit seinem Fuss eine Halteklammer fest, mit deren
Hilfe er den Schleifstein auf einem Holzklotz fixiert. Der gesamte
Arbeitsplatz des Polierers ist eigentlich ein Becken, wobei der Boden
leicht geneigt ist, da beim Schleifen Wasser als Gleitmittel verwendet
wird und dieses somit leicht wieder abfliessen kann. Der fixierte, noch
sehr grobe Schleifstein wird vorwiegend für die Grundpolitur (jap.
shitajitogi) verwendet. Oft jedoch bringen die Schmiede die
Grundpolitur selbst an, um die Linienführung der Klinge selbst
bestimmen zu können. In den ersten Schleifvorgängen besteht ein grosses
Risiko, tiefe Kratzer in der Klinge zu verursachen, die sich nicht mehr
entfernen lassen, denn die verwendeten Steine sind ziemlich grob und
rauh. Die Klinge muss deshalb mit grosser Genauigkeit und Sorgfalt über
diese Steine geführt werden. Sie wird dabei von der blossen linken Hand
gehalten, während die rechte Hand mit einem Tuch umwickelt ist. Den
ganzen Schleifprozess hindurch ist die Schneide vom Körper abgewandt um
eventuelle Verletzungen zu vermeiden. Nach der Grundpolitur, bei
welcher nicht etwa der Stein bewegt wird, sondern das Schwert, werden
eine ganze Reihe von immer feiner werdenden Steinsorten auf die Klinge
angewendet. Diese Schleifsteine werden erst genau senkrecht zur Klinge
und mit zunehmender Körnung immer stärker der Schneide und der
Härtelinie entlang geführt. Nun beginnt der Polierer mit dem
shiagetogi, der Endpolitur, bei der es sich genau andersherum verhält.
Der Polierer schleift ein kleines Stück eines extrem feinkörnigen
Steines bis auf eine gleichmässige Stärke von 1,6 mm herunter und klebt
ihn mit Lack auf ein Stück poröses Japanpapier (jap. yoshinogami) auf -
so entsteht ein daumengrosses „Schleifpapier“, das hazuya genannt wird.
Es dient dazu, die gesamte Klinge so zu polieren, dass alle
Bearbeitungsspuren der vorhergehenden Grundpolitur nicht mehr gesehen
werden können. Nach Abschluss dieser Arbeit folgen weitere
Polierverfahren, welche vorwiegend kosmetischer Natur sind. Mit einer
Emulsion aus Eisenoxidpartikel und Pflanzenöl (jap. nugui ) wird die
gesamte Klinge bearbeitet. Dadurch nimmt der Stahl eine dunklere
Färbung an, so dass die Metallstruktur und andere Oberflächendetails
besser zur Geltung kommen. An die nugui-Behandlung schliesst sich eine
erneute Schleifprozedur dem gesamten hamon entlang: Mit dem
hazuya-Plättchen, das nun rundgeschnitten wurde, um der Härtelinie
besser folgen zu können, wird eine weitere Trennlinie zwischen der
gehärteten Schneide und den Klingenflanken geschaffen. Dieser Vorgang
wird hadori genannt. Bei allen vorangegangenen Arbeitsschritten, ausser
bei der Grundpolitur, war die Spitze stets ausgenommen. Nach Beendigung
des hadori wird die Spitze, welche vom Rest der Klinge durch einen
geraden Grat (jap. yokote) getrennt ist, in Angriff genommen. Sollte
kein deutlicher yokote sichtbar sein, wird einer nachträglich
angebracht. Mit dem hazuya und unter Hilfenahme eines abfedernden
Holzblocks mit verschieden grossen Einschnitten, wird nun die Spitze
(jap. boshi) so lange bearbeitet, bis sie sich durch matten Glanz und
einem weissen Farbton deutlich von den anderen Teilen der Klinge
abhebt. Als letztes wird eine Hochglanzpolitur (jap. migaki)
vorgenommen; die gesamte Stahloberfläche hinter dem yokote wird mit
einem ibota genannten Pulver aus wachshaltigen Exkrementen eines mit
den Zikaden verwandten Insekts eingestäubt und mit einer Stahlnadel
bearbeitet. Das Resultat ist ein gleichmässiger Spiegelglanz. Der
gesamte Poliervorgang dauert etwa zehn Tage bis zwei Wochen. 46 Sind
Schmied und Polierer mit dem Resultat der Arbeiten zufrieden, wird an
der Schwertangel (jap. tsuka) eine Signatur (jap. mei) eingemeisselt,
welche nach dem Anbringen des Schwertgriffes nicht mehr sichtbar ist.
Schliesslich wird eine Scheide aus rohem Holz (jap. shira-zaya,
wörtlich: "weisse Scheide") - oder eine volle Montur (jap. koshirae)
bestehend aus Beimesser (jap. kogatana), Schwertnadel (jap. kôgai) 47
und einer verankernden Klingenzwinge (jap. habaki) - angebracht: Ein
neues japanisches
Schwert ist entstanden, das jedoch, trotz aller Bemühungen seitens der
Schmiede noch nicht einem Schwert des 13. Jahrhunderts in seiner
Perfektion gleichkommt. 48
Die Geschichte
Einzelne Schwerter waren so berühmt, dass sie mit Eigennamen bedacht
wurden und so in die Geschichte Japans eingegangen sind. In der
Entstehungssage Japans beispielsweise, übergab die Sonnengöttin
Amaterasu ein solches Schwert, mit Namen Kusanagi („Grasmäher“), an den
ersten weltlichen Kaiser Jimmu Tenno. Dessen Sohn, Prinz Yamato Takeru,
sollte sich einst, als er von Rebellen angegriffen wurde und das weite
Grassfeld, auf dem er sich befand, in Brand gesetzt wurde, dadurch
gerettet haben, dass er mit dem Schwert das brennende Gras in weitem
Kreis um sich herum abschnitt und so den Flammen entging. Das Schwert
Kusanagi bildete, zusammen mit dem Spiegel und dem Juwel, die drei
Reichsinsignien Japans, welche von einem Herrscher zum nächsten
weitergegeben wurde. Während des Gempei-Krieges (1180-1185 n. Chr.), in
der Seeschlacht um Dan-no-ura (1184), ertrank der junge Kaiser Antoku
und mit ihm verschwand auch das Schwert Kusanagi in den Fluten. Neben
diesem Schwert gab es noch die "fünf himmlischen Schwerter" (jap. tenka
go ken), um die sich unzählige Legenden ranken. Jedes dieser Schwerter
war ein Meisterwerk der Schmiedekunst, das zwischen dem 10. und dem 13.
Jahrhundert geschaffen wurde und zu den besten ihrer Art gehörte. Sie
waren die Krönung der Waffensammlungen der grossen Herrscher Japans und
wurden von Generation zu Generation weitervererbt. 49
Die Funde in den Gräbern der kofun-Kultur (300-710 n. Chr.), die Mythen
Japans, Romane und Gedichte, die Chroniken der daimyô und die
schriftlichen Zeugnisse, sowie die mündlichen Überlieferungen der
Schmiede- und der Kampfeskunst sind die wichtigsten Quellen, welche uns
über die Entwicklung der Herstellung und Form der Schwerter Auskunft
geben können.
Die Epoche der jôkotô („antiken Schwerter“): ca. 300- 900 n. Chr.
Die ältesten erhaltenen Schwertexemplare stammen aus den
Hügelgräbern der kofun-Kultur (300-710 n. Chr.) und werden jôkoto
genannt. Sie sind heute allgemein in einem schlechten Zustand, zeichnen
sich aber durch einen sehr gut geschmiedeten Stahl aus und besitzen in
den meisten Fällen eine gerade, der Klinge nach verlaufende
Härtungszeichnung. Anders als die Schwerter späterer Epochen waren
diese Klingen, bis auf die abgerundete Spitze, gerade, besassen also
noch nicht die für spätere japanische Schwerter so charakteristische
Krümmung. Es wird angenommen, dass diese Klingenform auf Vorgänger aus
China und Korea zurückzuführen ist, die, da eher kurz und leicht,
wahrscheinlich nicht als Hieb- sondern eher als Stichwaffen verwendet
wurden. Seit dem neunten und zehnten Jahrhundert wurden die Schwerter
länger und mit einer ersten, damals noch leichten Kurvenführung
versehen. Dies scheint eine allmähliche Anpassung an die Bedürfnisse
der vorwiegend zu Pferde kämpfenden Kriegern zu sein. 50
Die Epoche der kotô („alten Schwerter“): ca. 900- 1600 n. Chr.
Seit der Mitte der Heian-Periode (etwa ab dem 10. Jahrhundert n.
Chr.) erhöhte sich die Qualität der gefertigten Schwerter stark. Der
Gebrauch der Schwerter, der nun vor allem von den berittenen Streiter
gepflegt wurde, nahm seit dieser Zeit dermassen zu, dass die Stellung
des Schwertes in der Kriegsführung beinahe den Status der ehemals weit
höher eingestuften Bögen erreichte. Insbesondere die Schwerter der
Kamakura-Periode (1185-1333 n. Chr.) stellten einen einmaligen
qualitativen Höhepunkt der Schwertschmiedekunst dar. In dieser Zeit
erreichten die höfischen Langschwerter, die sogenannten tachi, die zum
Teil als reine Repräsentations-Objekte verwendet wurden, ihre grösste
Länge und wurden, um den verbesserten Rüstungen, die schwieriger zu
durchdringen waren, gerecht zu werden, weit schwerer gefertigt, was
ihre Durchschlagskraft noch weiter erhöhte. Nach den beiden
Mongolen-Invasionen 51 wurde die Notwendigkeit kürzerer Schwerter für
die unberittenen Truppen erkannt und deshalb das Schwert verkürzt. In
der darauffolgenden Muromachi-Periode (1338- 1573 n. Chr.) lässt sich
wegen der ständigen Kämpfe und der Ausfuhr von japanischen Schwertern
52 - beides für die erhöhten Stückzahlen verantwortlich - ein auf die
Massenproduktion zurückzuführender Qualitätsrückgang beobachten. Eine
grosse Rolle spielte auch die alte Tradition der Weitergabe von
geheimen Techniken vom Schwertschmied zu seinem Lehrling, die im Zuge
der andauernden Kämpfe allmählich unterging. Zu dieser Zeit gingen alte
Fertigkeiten und Schmiedetechniken verloren, die später nicht wieder
nachvollzogen werden konnten. 53
Die Epoche der shintô („neuen Schwerter“): ab 1600 n. Chr.
Nach der Einigung des Landes durch Toyotomi Hideyoshi (1536-1598)
gegen Ende des 16. Jahrhunderts ging das Land einer zweihundert Jahre
währenden Friedens- aber auch Isolationsperiode entgegen. In dieser
Zeit verlor das Schwert langsam seine Bedeutung als Waffe und wurde
mehr und mehr mit Zierraten und sonstigem Beiwerk (wie dem vormals
schlichten, nun teilweise sehr ausgefallenen Handschutz, jap. tsuba)
ausgestattet. Wegen des Verkaufs von qualitativ hochwertigem Roheisen
und der Einfuhr von ausländischem Schmiedestahl verschwanden durch
lokale Eigenheiten des Rohstoffes entstandene Färbungen der Schwerter.
Gleichzeitig liessen diese neuen Materialien jedoch die Herstellung von
Schwertern mit einem helleren Farbton und glänzenden Kristallstrukturen
zu, welche für diese Zeit charakteristisch sind. Allgemein wurde die
Verarbeitungsqualität der Schwerter erhöht, und durch die Entwicklung
neuer Zierwerke, wie Beimesser (jap. kogatana) und Schwertnadeln (jap.
kôgai) wurde ein neuer Handwerkszweig eröffnet, der in den friedlichen
Jahren der Edo-Zeit (1603- 1868) hohe Blüten trug. 54
Die Epoche der gendaitô („modernen Schwerter“): seit ca. 1868
Die Schwerter, welche seit der Meiji-Reform 1868 hergestellt wurden,
sind als gendaitô bekannt. Besonders die Schwerter, die für das Militär
produziert und im ersten und zweiten Weltkrieg verwendet wurden,
zeigten Anzeichen eines bevorstehenden Unterganges der
Schwertschmiedetätigkeit in Japan. Sie besassen weder ein hamon noch
irgendein anderes Charaktermerkmal der Schwertschmiedekunst, denn sie
wurden rein industriell in sehr hohen Stückzahlen angefertigt. Unter
der amerikanischen Besatzung (1945-1953), nach der Niederlage Japans,
wurde die Herstellung gesetzlich verboten und sowohl der Besitz, wie
auch die Erhaltung der Schwerter erheblich erschwert. Erst 1953 wurde
das Verbot wieder aufgehoben, wobei eine „Gesellschaft zur Erhaltung
des japanischen Kunst-Schwertes“ (Nihon bijutsu tôken hozon kyôkai,
abgekürzt: NBTHK) gegründet wurde, deren Ziel es war, die
Massenfertigung von wertlosen Waffen zu verhindern und den Schmieden
die Möglichkeit zu geben, die Kunst des Schwertschmiedens - trotz des
Verlusts weiterer Techniken, Verfahren und Erfahrungen, welche der Tod
einer ganzen Generation von Schwertschmieden im zweiten Weltkrieg
verursacht hatte - wieder zu altem oder gar zu neuem Glanze zu
verhelfen. 55 Die hohe Wertschätzung, welche der traditionellen
Schwertschmiedekunst auch heute noch entgegengebracht wird, zeigt sich
darin, dass der japanische Staat mehreren besonders fähigen
Schwertschmieden den Titel eines „Nationalschatzes“ (jap. kokuhô)
verliehen und ihnen finanzielle Unterstützung gewährt hat.
Fussnoten:
34 Kodansha Encyclopedia of Japan, Kodansha: Tôkyô 1983, S. 286.
35 In der
fortgeschrittenen Tokugawa-Periode (1603-1867) trugen auch manche
vermögende Händler und Handwerker Schwerter, doch nur den samurai war
es gestattet, in der Öffentlichkeit zwei Schwerter zu tragen.
36 Kapp, Hiroko
und Leon; Yoshihara, Yoshindo: Japanische Schwertschmiedekunst, Rolf
Kiesselbach: Ehrenkirchen 1987, S.23, und Mauer, Kuno: 1981 S.325.
37 Turnbull, Stephen: 1998, S.120.
38 Mauer, Kuno: 1981, S.324ff.
39 Turnbull,
Stephen: 1998, S.299. Der Übersetzer des japanischen Originals wird
nicht angegeben, vermutlich ist es Turnbull selbst. Die Übertragung ins
Deutsche erfolgte durch den Autor der vorliegenden Arbeit.
40 So wird die
Wiederaufrichtung der Kaisermacht nach dem Zusammenbruch des
Tokugawa-Shogunats genannt. Eine lange Liste von Gesetzesänderungen und
Regierungsreformen ebnete Japans Weg zur Imperialmacht nach westlichem
Vorbild, siehe: Ramming M.: 1941, S.382f.
41 Siehe: Sasamori, Junzo; Warner, Gordon: 1964, S.26f.
42 Turnbull, Stephen: The Book of the Samurai, The Warrior Class of Japan, Arms and Armour Press: London 1982, S.66. zurück
43 Kapp, Hiroko und Leon; Yoshihara, Yoshindo: 1987, S.61-66. zurück
44 Turnbull, Stephen: 1998, S.123. zurück
45 Siehe: Kapp, Hiroko und Leon; Yoshihara, Yoshindo: 1987, S.65- 94. zurück
46 Der Poliervorgang ist derart raffiniert, dass - theoretisch bei
guter Pflege der Klinge - keine Nachpolierungen mehr nötig sind. zurück
47 Siehe: Mauer, Kuno: 1981, S.327. zurück
48 Die Beschreibung der Herstellungstechnik in diesem Kapitel beruht
vorwiegend auf: Kodansha: 1983, S.287 und Kapp, Hiroko und Leon;
Yoshihara, Yoshindo: 1987, S.40, 103, 107-109, 112, 116-121,124-126.
zurück
49 www.page-five.de/TENSHU/stahl.htm, www.usagiyojimbo.com/realms.html und Hall, John Whitney: 1984, S.88. zurück
50 Kodansha Encyclopedia of Japan, Kodansha: Tôkyô, 1983, S.287 zurück
51 Nachdem Tschingis-Khan 1206 bis 1260 Indien, Kleinasien, Russland
und bis 1280 auch China grösstenteils unterworfen hatte, wandte sein
Nachfolger Kublai Khan sich erstmals 1274 und dann wieder 1281 in
Richtung Japan, um das Inselreich zu unterwerfen. Beide Angriffe wurden
durch Taifune vereitelt, siehe: Ramming, M.: 1941 S.400f. zurück
52 Siehe: Ramming, M.: 1941 S.516 zurück
53 Siehe: Kodansha Encyclopedia of Japan, Kodansha: Tôkyô, 1983 S.287 zurück
54 Kapp, Hiroko und Leon; Yoshihara, Yoshindo: 1987, S.23ff. und Kodansha: 1983, S.287. zurück
55 Kapp, Hiroko und Leon; Yoshihara, Yoshindo: 1987, S.17, 19 und S. 27. zurück
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