Die Iaido-Philosophie ist eng mit der Einstellung der bushi, also der japanischen Samurai, verknüpft.

Aus dem Aufsatz von Silvan Jegen, Iaido-Remnei Basel:

 2.1 Der Aufstieg der bushi

Anfangs des 9. Jahrhunderts n. Chr. wurde eine Art des privaten Grundbesitzes eingeführt, die als shoên-System bekannt ist. Grund dafür war die schwache Verwaltung des Kaiserhofes, die nicht in der Lage war, die einzelnen Provinzen unter Kontrolle zu halten. Als Folge fand eine zunehmende Dezentralisierung des Staatssystems statt, welches darin gipfelte, dass das Land in unzählige kleine Gebiete zerfiel. Diese wurden von Landverwaltern (jap. jitô) betreut und besteuert. Für jede Provinz war ein eingesetzter Militärgouverneur verantwortlich, dem mehrere jitô unterstanden, welche die eigentliche Lokalverwaltung unterstützen sollten. Sie alle erhielten einen gewissen Anteil, in Form einer Steuer, an der Gesamtproduktion der jeweiligen Lokalität. Dieser wurde zusätzlich zu den allgemeinen Steuern erhoben. Die Militärgouverneure hatten darüber hinaus auch eine Justiz- respektive Polizeifunktion inne und waren somit über die schon bestehenden Zivilgouverneure gestellt worden. Das Shogunat, die militärische Schattenregierung, die unter dem Sieger des Gempei-Krieges (1180-1185), Minamoto Yoritomo (1147-1199), als erster shôgun etabliert wurde, fungierte wiederum als übergeordnetes zentrales Organ, das sämtliche in ihm vereinten staatlichen Kräfte und Verwaltungen lenkte. Die bushi (oder samurai23), welche für alle oben genannten Funktionen im Staat eingesetzt wurden, waren Gefolgsleute grösserer daimyô. Diese unterstanden ebenfalls dem Shogunat, respektive dem shôgun: sie waren ihm somit verpflichtet. Dadurch wurde der Hof und ein Grossteil der alten Aristokratie allmählich in eine rein symbolische Funktion gedrängt.

In der Muromachi-Periode (1338-1573) verdrängten die bushi die Reste des kaiserlichen Regierungssystems, und in der Tokugawa-Periode (1603-1867) schliesslich entwickelten sich die bushi zu den unangefochtenen Herrschern des Landes.

2.2 Bushidô: Der „Weg des Kriegers“


Gegen Ende des 12. Jahrhunderts, nach der Einführung des Zen-Buddhismus24, bildete sich unter den bushi allmählich ein Ehrenkodex aus, der als bushidô bezeichnet wurde. Bushidô lässt sich, wie schon aus dem Titel dieses Kapitels zu erschliessen ist, mit „Weg“ oder „Pfad des Kriegers“ übersetzen, wobei der „Pfad“ hier eher versinnbildlicht zu verstehen ist und auch als „Lehre“ oder „Regel“ verstanden werden kann.25 Unter diesem Gesamtbegriff lassen sich die uralten ritterlichen Grundsätze wie Ehre, Pflicht, Treue und Wahrhaftigkeit zusammenfassen, mit denen sich alle Mitglieder der Militäraristokratie identifizierten, die zur Entstehung eines eigenen Standesbewusstseins führten26 und denen sie stets zu folgen gedachten. Zu diesen Rittertugenden lassen sich noch weitere dazuzählen wie z. B. auch Tapferkeit, Mut und Standhaftigkeit sowie Ehrfurcht, Höflichkeit, Anstand, Sitte, Grossherzigkeit, Barmherzigkeit, Achtung vor dem Feind, Sparsamkeit und insbesondere, als Grundvoraussetzung, die Selbstbeherrschung.

Die Lehre dieser Rittertugenden war in keiner starren Form festgehalten worden. Es war ursprünglich ein ungeschriebener Sitten- und Ehrenkodex der samurai, der die bushi-Gesellschaft während mehreren Jahrhunderten prägte und auch in gewissem Sinne beherrschte. Er bestand hauptsächlich aus mündlichen, teilweise auch schriftlich fixierten Lebensregeln, die von Gelehrten oder berühmten Kriegern formuliert worden waren. Daher ist es beinahe unmöglich den Anfang der Idee des bushidô mit Sicherheit zu bestimmen.27 Interessanterweise war der Höhepunkt des bushidô-Gedankengutes in der friedvollen Zeit der Tokugawa-Shôgune (1603-1868). Vielleicht lässt sich dies dadurch erklären, dass während der vorherigen kriegerischen Jahrhunderte der bushidô von den Kriegern gelebt wurde, er aber erst in den späteren Epochen, als die Privilegien der samurai immer nominelleren Charakter annahmen, zu einer die Vergangenheit glorifizierenden Doktrin weiterentwickelt wurde. Nachfolgend wollen wir die wichtigsten Aspekte des bushidô einer näheren Betrachtung unterziehen.

2.2.1 Aufrichtigkeit

Den bushi, denen nichts mehr zuwider war wie ein Handeln voller Hinterlist und Unaufrichtigkeit, galt die Aufrichtigkeit als wichtigste aller ritterlichen Eigenschaften des Ehrenkodex. Sie galt in der Tokugawa-Periode mehr als jede andere positive Eigenschaft, und in einer Zeit, in der die Heimtücke als Kriegslist und die List als militärische Taktik getarnt waren, galt die Aufrichtigkeit als eine seltene Tugend, welche manchmal sogar als Zwillingsbruder der Tapferkeit gepriesen wurde. Auch in der friedfertigen Zeit nach 1600 wurden nur die grössten Krieger gishi (jap. „aufrechter Krieger“) genannt, denn kaum eine andere Ehrenbezeichnung beinhaltete ein solch grosses Lob wie diese.

2.2.2 Mut und Ausdauer

Mut wurde in Japan streng von Tollkühnheit unterschieden. Der Ehrenkodex bezeichnete den wegen einer unwürdigen Sache erlittenen, sinnlosen Tod als „Tod eines Hundes“, während der Heldentod eines samurai poetisch mit: „Naga kusa no kage ni neru“ (jap. „im Schatten der hohen Halme ruhn“) umschrieben wurde.28
Nach Meinung des Adels konnte sich auch der grösste Bauerntölpel mit einem Schwert in die Schlacht stürzen und sich töten lassen, wahrer Mut bedeutete jedoch, im richtigen Moment das Leben zu wählen und den Tod nur in jenem Augenblick zu suchen, wenn dieser unausweichlich sei. Schon in frühester Jugend lernten die jungen samurai zwischen moralischem und physischem Mut zu unterscheiden. Jeder von ihnen kannte den tiefgreifenden Unterschied zwischen der „Grossen Tapferkeit“ und der „Tapferkeit des Schurken“.

Mut, Tapferkeit, Furchtlosigkeit, Stärke und Ausdauer waren jene Eigenschaften, welche für die Jugend am wünschenswertesten erschienen und in denen sie schon früh wetteiferte. Den Knaben wurden von kleinst auf Geschichten und Sagen junger Heroen erzählt. Mütter erzogen ihre Kinder dahingehend, dass sie, sobald diese weinten oder klagten, ihre jugendlichen Sorgen abtaten als Kleinigkeiten im Vergleich zukünftiger Qualen und ihnen ihre kriegerische und schlachtenreiche Zukunft vor Augen hielten.
Für den samurai war es eine Schande, über Hunger oder Kälte zu klagen, selbst wenn er schon seit Tagen keine Speisen mehr gesehen hatte. Um den Nachwuchs zur Furchtlosigkeit und Bescheidenheit zu erziehen, auferlegten ihm die Eltern Mühseligkeiten und Strapazen. Ein aussagekräftiges Sprichwort dieser durch erzieherische Zucht und Ordnung geprägten Zeit hiess: „Die Bären werfen ihre Jungen den Abhang hinunter.“ Dies beinhaltete gelegentlicher Nahrungsentzug oder das Aussetzen in der Kälte. Kinder in noch zartem Alter wurden zu Lernzwecken zu ihnen unbekannten Personen geschickt, bei welchen sie vor Sonnenaufgang aufstehen und noch vor dem Frühstück Leseübungen abhalten mussten. Selbst im härtesten Winter mussten sie ihre Lehrer barfuss aufsuchen. Doch war in den oft turbulenten Zeiten diese den heutigen westlichen Pädagogen grausam erscheinende Erziehungsmethode wahrscheinlich notwendig, um als Mitglied einer bushi-Familie bestehen zu können und die dazu angeblich nötigen fünf Kampfeigenschaften29 zu erlangen:

Shidzuka-naru hayashi no gotoshi
(jap. „ruhig wie der Wald“)

Ugoka-zaru yama no gotoshi
(jap. „unbeweglich wie der Berg“)

Samui kiri no gotaku
(jap. "kalt wie der Nebel")

Toki koto kaze no gotoshi
(jap. „schnell im Entschluss wie der Wind“)

Okashi kasumeru hi no gotoku
(jap. „im Angriff und im Sturm wie das Feuer“)

2.2.3 Die Ehre

Im Verhaltenskodex des bushidô kam der Ehre häufig einen höheren Stellenwert zu wie den übrigen Tugenden. Durch das starke Bewusstsein ihres hohen Standes, in den sie hinein geboren und zu dem sie erzogen worden waren, versuchten alle samurai ihre Privilegien und Pflichten zu wahren. Von frühester Jugend an fürchteten sie die Schande, und ihr höchstes Ziel war es, ihrem Namen im ganzen Land Ruhm und Ehre einzubringen. Dieses oft übersteigerte Ehrgefühl konnte zu blutigen Taten führen, bei welchen Menschen aufgrund einer kleinen oder gar nur eingebildeten Beleidigung durch das Schwert eines erzürnten samurai umkamen. Diese gefährlichen Auswüchse des bushidô sollten durch das Lehren von Geduld und Grossmut eingedämmt werden.

Um Ruhm zu erlangen schreckten die samurai nicht vor der Opferung ihres eigenen Lebens zurück. Manche samurai opferten ihr irdisches Dasein alleinig aus dem Grund, Nachruhm zu erlangen - auch wenn dieser dadurch teuer erkauft war. Auch seppuku (formeller Ausruck, im Gegensatz zum abschätzigen harakiri, wörtlich „Bauch-Schneiden“), die rituelle Selbsttötung, wurde als beinahe „transzendentale“ Gelegenheit betrachtet, Schande zu verhindern oder den eigenen Ruhm zu mehren.


2.2.4 Die Selbstbeherrschung

Ein samurai sollte weder Schmerz noch Hunger, Kummer oder Leid in irgendeiner erdenklichen Weise an die Oberfläche gelangen lassen. Selbstbeherrschung in jeder Lage wurde von den samurai gefordert, denn ohne sie war die Ausübung der übrigen Tugenden beinahe unmöglich. Ein samurai durfte durch den Ausdruck seiner Gefühle nicht die Ruhe oder die Freude seiner Mitmenschen stören. (Auch heute noch gilt in Japan das Belasten eines Fremden durch den Ausdruck des eigenen Kummers als schwerer Verstoss gegen den Anstand. Der Tod eines Nahestehenden würde ein Japaner auch heute noch als Nebensächlichkeit erwähnen). Gegenüber eines guten Freundes jedoch durften unterdrückte Gefühle geäussert werden, wobei poetische Ausdrucksweisen bevorzugt wurden. Ein allgemein gebräuchlicher Ausspruch, um den Charakter eines vorbildlichen samurai zu beschreiben, war: „Er zeigte kein Zeichen von Freude oder Zorn“.

2.2.5 Pflicht der Treue

Dem bushidô gemäss war es die Treuepflicht, welche die höchsten Opfer verlangte. Auch in anderen Moralsystemen trifft man auf dieses Phänomen, doch nur im Ehrenkodex der bushi erreichte dieses Prinzip einen solch hohen Stellenwert, dass das eigene Leben bisweilen gar mit Freuden für den Lehnsherrn (jap. daimyô) hergegeben wurde. Dieses Treuegefühl besass, neben der Ehre, die höchste Bedeutung im bushidô. Kaum ein anderes Thema wurde in der japanischen Literatur so oft und ausgiebig behandelt und dies nicht nur in der Prosa sondern auch in der Poesie und Bühnendichtung. In Japan besonders beliebt ist die „Geschichte der 47 rônin“30:

Asano Takumi-no-kami (1667-1701), der daimyô von Akaho in Zentral-Japan, hatte die Pflicht, Kuriere der Regierung im Schloss von Edo31 zu unterhalten. Als er Kira Kônosuke, ein gestandener Beamter, welcher mit dem korrekten Protokoll vertraut war, um Rat fragte, unterliess er es, diesem die nötigen traditionellen Geschenke zu überreichen, woraufhin Kira Asano beleidigte. Asano zog sein Kurzschwert - an für sich schon eine schwere Verletzung der Etikette! - und schlug nach Kira, verletzte ihn aber nur leicht. Asano wurde daraufhin dazu verurteilt, sich selbst das Leben zu nehmen. Seine Herrschaft wurde aufgelöst und seine Untergebenen wurden rônin. Ôishi Yoshio (1659-1703), Asano's Kanzler und Hüter des Schlosses von Akaho, ergab sich den Staatstruppen und entliess die samurai, doch fand er unter ihnen 46, welche bereit waren, ihn zu unterstützen. Diese insgesamt 47 rônin liessen sich in der Hauptstadt des Reiches nieder, warteten anderthalb Jahre lang, als Bettler verkleidet oder möglichst unauffällige Leben führend, bis Kira's Vorsicht nachliess, um Rache an ihm zu nehmen. Am 15. Dezember 1702 attackierten sie Kira's Wohnstätte, enthaupteten ihn und legten seinen Kopf auf das Grab Asano's. Nach dieser Tat ergaben sie sich der Regierung und begingen allesamt Selbstmord.32 Dieser Vorfall rührte die Gemüter des japanischen Volkes stark auf, denn obwohl die 47 rônin sich der Regierung widersetzten, entsprach ihr Handeln doch dem bushidô, weshalb die rônin von grossen Teilen der Bevölkerung hoch verehrt wurden.
Ein solcher Konflikt zwischen Regierung und dem Ehrenkodex war nicht der einzige Widerspruch, in den das bushidô seine Anhänger hineinmanövrierte. Da die samurai auch nur Menschen mit all ihren Schwächen waren, kamen sie immer wieder in Situationen, in welchen sie sich zwischen der eigenen Neigung und der Pflicht entscheiden mussten - und, da sie an ihren Lehenseid gebunden waren, behielt fast immer die bedingungslose Treuepflicht die Oberhand. Die Familie eines samurai war, ebenso wie er selbst, an dessen Lehnsherren gebunden und brachte grosse Opfer, um dem Lehnsherren in Notzeiten oder Todesgefahr beizustehen. Doch musste die aufrichtige Loyalität auch mit der Ehre eines bushi zu vereinbaren sein. Kein ehrenwerter samurai wollte etwas mit einem bushi zu schaffen haben, der ehrlos, schmeichlerisch oder korrupt war. Die Treuepflicht des bushi-Standes nötigte einen samurai, sollte sich seine Meinung nicht mit derjenigen seines Lehnsherren decken, jenen mit allen Mitteln von seinem vermeintlichen Irrtum in Kenntnis zu setzen. Als letzte Möglichkeit bot sich die rituelle Entleibung an, um ihm die Aufrichtigkeit der eigenen Worte zu verdeutlichen. Dieser Ehrentod soll seit 118033 ausgeübt worden sein, meist um nach einer Niederlage nicht den gegnerischen Kräften in die Hände zu fallen, oder als Mittel, die Treue und Anhänglichkeit gegenüber eines Lehnsherrn zu beweisen, indem man ihm freiwillig in den Tod folgte.

2.3 Das Schwert - Die Seele des samurai

Das Schwert wurde als ein Symbol der Seele seines Trägers betrachtet.34 Seine Herstellung wurde mystifiziert und sein Besitz war vorwiegend den Mitgliedern der bushi vorbehalten.35
Die bushi trugen zwei Schwerter. Das längere von beiden, das sogenannte katana (ungefähr 60-76cm), wurde für Kampf, Duelle, Training und auch für die Vollstreckung von Verurteilungen verwendet. Das kürzere (bis ungefähr 45cm), wakizashi genannt, war das „Familienschwert“. In der Herstellung und dem äusseren Erscheinungsbild dem katana entsprechend, wurde es im Gegensatz zu jenem nur dazu verwendet, besiegten Gegner den Gnadenstoss zu geben und das Entleibungsritual zu vollziehen.36 Beide Schwerter wurden von den samurai durch den Gürtel (jap. obi) geschoben, der den japanischen Schwertrock (jap. hakama) und das Oberteil (jap. kimono) dem Körper anpasste. Um beim Kämpfen den nötigen Freiraum zu haben, banden sich die samurai Teile des hakama und die Ärmel des kimono mit einem schmalen Band (jap. tasuki) hoch. Erfahrene Schwertkämpfer konnten diese Kampfvorbereitungen innerhalb weniger Sekunden treffen.37
Die Schwerter wurden auch zu Hause mit grosser Ehrfurcht behandelt. Sie wurden in eigens dafür gefertigten Ständern gut sichtbar aufbewahrt, und nachts wurden sie neben das Kopfkissen gelegt, doch ansonsten trennten sich die samurai nur bei Besuchen zeitweilig von ihren beiden Schwertern. Die Etikette schrieb vor, dass ein Schwert nur dann aus seiner Scheide gezogen werden durfte, wenn vorher bei allen Umstehenden die Erlaubnis eingeholt worden war. Ein schwerer Verstoss gegen die Sitte war es, selbst aus Versehen die eigene Schwertscheide an diejenige eines anderen Schwertträgers zu stossen oder das Schwert mit der Spitze in Richtung des Gegenübers auf dem Boden zu platzieren. Leicht konnte eine solche Missachtung der Anstandsregeln ein Duell zur Wiederherstellung der Ehre nach sich ziehen.38

Grundsätzlich wurde eine übereilte Benutzung des Schwertes als Prahlerei oder Dummheit angesehen und verachtet. Auch sollte der Besitz eines eigenen Schwertes nicht zur Schau gestellt werden. Vielmehr musste ein samurai den Zeitpunkt, an welchem er von seiner Waffe Gebrauch machen wollte genauestens abwägen. Im „Vermächtnis des Ieyasu“, welches der begnadete Kriegsherr und Begründer des Tokugawa-Shogunats Tokugawa Ieyasu (1542-1616) seinen Nachfolgern hinterliess, stehen folgende Zeilen, die das Ziel dieser Bemühungen gut illustrieren: „Die richtige Nutzung eines Schwertes besteht darin, die Barbaren zur Vernunft zu bringen, während es schimmernd in der Scheide ruht. Wenn es seine Scheide verlässt, kann es nicht als richtig eingesetzt gelten.“ 39

Das Schwert hatte seinen Charakter als Waffe und damit den Respekt, der ihm gezollt wurde, nie verloren, erst nach 1868, zur Zeit der Meiji-Restauration40, als das Tragen eines Schwertes in der Öffentlichkeit verboten wurde, sank seine Bedeutung als Waffe, doch blieb der Respekt ihm gegenüber grösstenteils bis in unsere Zeit hinein erhalten.
In der Muromachi-Periode (1338-1573) entwickelten sich verschiedenste Schlag- und Pariertechniken, welche nach und nach von besonders begnadeten Schwertkämpfern zu unterschiedlichen Schwertkampfstilen (jap. ryu) vervollkommnet wurden.41 Diese Schwertkämpfer bauten Techniken aus, erfanden neuartige Variationen und benannten sie, sobald sie sich in deren Anwendung ausreichend geübt hatten, mit eigenen oft eindrucksvollen Namen. So entstanden innerhalb von Jahrhunderten Dutzende von Schulen, die ihre Schüler in der Schwertkampfkunst (jap. kenjutsu) unterrichteten. Gewisse Eigenschaften dieser Schwertkampfstile waren bei allen Schulen präsent.
Die japanische Schwertkampfkunst bediente sich im Kampf grundsätzlich nur eines Schwertes (üblicherweise des katana), das eine nur einseitig geschärfte Klinge besass, beinahe ausnahmslos zweihändig geführt wurde und mit welchem offensive wie auch defensive Schlag- und Abwehrtechniken ausgeführt werden konnten, was den Gebrauch eines Schildes überflüssig machte. Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert war der Höhepunkt der aktiven Nutzung von Rüstungen im Kampf erreicht. In den darauf folgenden Jahrhunderten zeigte sich die Tendenz, die Rüstungen leichter und beweglicher zu gestalten - oder sie gar gänzlich wegzulassen -, um durch die somit drastisch erhöhte Mobilität den neu eingeführten Feuerwaffen erfolgreich begegnen zu können. Den Schwertern kam dadurch eine noch grössere Bedeutung zu.


Die Herstellung des japanischen Schwertes

23 Im Unterschied zur schon beschriebenen ethymologischen Herleitung dieses Begriffes, existiert noch eine weitere, in welcher die Bezeichnung samurai vom japanischen Zeitwort samurau (zu Deutsch "wachen"), abgeleitet wird, siehe: Pantzer, Peter: "Bushido - Der Weg des Kriegers", in: Samurai und Bushido, Der Spiegel Japans, Agens-Werk Geyer + Reisser: Wien 1999, S.59. (zurück)

24 Der Zen ist eine auf Meditation gerichtete Schule des Buddhismus. In ihr wird versucht, durch Meditation aus eigener Kraft die persönliche Erfahrung der Erleuchtung zu erlangen. Die Anhänger des Zen-Buddhismus sollten sich einer strengen psychischen und physischen Zucht unterwerfen, um dieses Ziel auch erreichen zu können. Eben dieser Aspekt übte eine grosse Faszination auf die bushi aus und führte dazu, dass der Zen-Buddhismus grossen Anklang bei ihnen fand, siehe: Hall, John Whitney: 1984, S.103f. (zurück)

25 Die Quellen sind sich bezüglich des Gebrauchs des Begriffes bushidô nicht einig. Manche behaupten der Begriff sei seit dem ersten Auftreten dieser Verhaltensweisen in Verwendung, andere wiederum bezeichnen ihn als jungen Begriff, der erst im Nachhinein eingeführt wurde, siehe: Pantzer, Peter: 1999 S.49. (zurück)

26 Sasamori, Junzo; Warner, Gordon: This is Kendo, Boxerbooks Inc.: Zürich 1964, S.29. (zurück)

27 Mauer, Kuno: Die Samurai: ihre Geschichte und ihr Einfluss auf das moderne Japan, Econ: Düsseldorf 1981, S.262f. (zurück)

28 Mauer, Kuno: 1981, S.266. (zurück)

29 Mauer, Kuno: 1981, S.268. (zurück)


30 Das sind samurai, welche freiwillig oder aufgrund eines Vergehens den Dienst ihres Feudalherren verlassen hatten, oder durch dessen Tod herrenlos geworden waren, siehe: Ramming, M.: 1941, S.488. (zurück)

31 Edo war seit 1603 der Regierungssitz des shôgun. (zurück)

32 Kiyota, Minoru: Kendo: its Philosophy, History and Means to Personal Growth, Kegan Paul: London 1995, S.83. (zurück)

33 Auf dieses Jahr wird das erste Vorkommen eines rituellen Selbstmordes datiert, durchgeführt von Minamoto Yorimasa (1106-1180) nach der verlorenen ersten Schlacht von Uji, siehe: Turnbull, Stephen: The Samurai Sourcebook, Bath Press: Great Britain 1998, S. 307. (zurück)

34 Kodansha Encyclopedia of Japan, Kodansha: Tôkyô 1983, S. 286. (zurück)

35 In der fortgeschrittenen Tokugawa-Periode (1603-1867) trugen auch manche vermögende Händler und Handwerker Schwerter, doch nur den samurai war es gestattet, in der Öffentlichkeit zwei Schwerter zu tragen. (zurück)

36 Kapp, Hiroko und Leon; Yoshihara, Yoshindo: Japanische Schwertschmiedekunst, Rolf Kiesselbach: Ehrenkirchen 1987, S.23, und Mauer, Kuno: 1981 S.325. (zurück)

37 Turnbull, Stephen: 1998, S.120. (zurück)

38 Mauer, Kuno: 1981, S.324ff. (zurück)

39 Turnbull, Stephen: 1998, S.299. Der Übersetzer des japanischen Originals wird nicht angegeben, vermutlich ist es Turnbull selbst. Die Übertragung ins Deutsche erfolgte durch den Autor der vorliegenden Arbeit. (zurück)

40 So wird die Wiederaufrichtung der Kaisermacht nach dem Zusammenbruch des Tokugawa-Shogunats genannt. Eine lange Liste von Gesetzesänderungen und Regierungsreformen ebnete Japans Weg zur Imperialmacht nach westlichem Vorbild, siehe: Ramming M.: 1941, S.382f. (zurück)

41 Siehe: Sasamori, Junzo; Warner, Gordon: 1964, S.26f. (zurück)